Die Ausstellung Unsere Russen Unsere Deutschen im Jahr 2007 im Schloss Charlottenburg in Berlin brachte es ans Licht: Eine aus diesem Anlass durchgeführte Umfrage des Forsa-Instituts zeigte, dass alte Vorurteile gegenüber Russland noch nicht obsolet geworden und noch immer in den Köpfen der Menschen präsent geblieben sind, obgleich sie mitunter schon mehr als 200 Jahre überdauern. „Weites Land, soziale Ungleichheit, aber auch Tapferkeit und Brüderlichkeit“ waren die häufigsten Assoziationen der Befragten.[1] In der heutigen Zeit haben sich, und das zeigt die Wandlungsfähigkeit der Vorurteile, zu den alten sogar neue Stereotypen hinzugesellt, etwa jene über den sagenhaften Reichtum mancher Russen oder die Allgegenwärtigkeit der Mafia.[2]

            Doch schauen wir in die Vergangenheit: Mit dem 18. Jahrhundert begannen sich in Europa verstärkt Berührungspunkte mit Russland herauszubilden. Insbeson-dere deutsche Forscher, die im Auftrag des Zaren forschten, trugen maßgeblich dazu bei, das Territorium des östlichen Nachbarlandes durch ihre Erkundungen bekannt zu machen. Die Napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts, deren Armeen sich zu einem großen Teil aus deutschen Soldaten rekrutierten, fanden sowohl auf deutschem als auch auf russischem Territorium statt, und brachten einem großen Teil der Soldaten den Tod oder Verletzungen. Die Kosaken hingegen lösten während ihrer Einsätze auf deutschem Boden Furcht in der einheimischen Bevölkerung aus. Durch diese Kriegserfahrungen hielt sich in den Köpfen der deutschen Bevölkerung für eine lange Zeit das Bild von der „todbringenden Natur“ im Osten und den „bestialischen“ Kosaken, welche nicht selten stellvertretend für alle Russen standen.

            Nach dem Wiener Kongress im Jahr 1815 kam es im öffentlichen Raum zunehmend zu einer negativen Bewertung Russlands. Wurde Zar Alexander I. nach dem Sieg gegen Napoleon noch als „Befreier Europas“ gesehen, verkehrte sich dieses Bild insbesondere mit dem Erstarken des liberalen Bürgertums auf dem deutschen Territorium. Russland und seine Obrigkeit wurden in diesen Kreisen zum Feind stilisiert, und eine gewisse Angst vor „einer Bedrohung aus dem Osten“ infiltrierte die Öffentlichkeit. So ist schon auf Flugblättern aus dem Revolutionsjahr 1848 zu lesen: „Die Russen kommen“. Man fürchtete sich wohl vor allem vor vermeintlichen russischen Expansionsbestrebungen, die die deutschen Staaten betreffen könnten, doch war diese Furcht vor den „barbarischen“ Russen durchaus Schwankungen unterworfen. In Zeiten politischer Schwächung des Zarenreiches, wie etwa dem verlorenen Krimkrieg von 1856, nahm auch die Angst ab. Mit dem Aufkommen eines zunehmend nationalen Gedankengutes zum Ende des Jahr-hunderts verbanden sich dann erneut slawophobe Tendenzen, welche sich in der deutschen Bevölkerung verbreiteten und den Russen die „Existenzberechtigung“ als eine den Deutschen gleichwertige Nation absprachen.

            Parallel zu diesen negativen Vorstellungen entwickelte sich aber auch Inter-esse und Neugier in Bezug auf den Osten. Dies betraf sowohl die landschaftlichen Gegebenheiten als auch die kulturellen Entwicklungen, insbesondere die literarischen. Lev Tolstoj und Fedor Dostoevskij waren die russischen Autoren, die am häufigsten rezipiert wurden und durch ihre Werke unter anderem den Begriff der „russischen Seele“ prägten. Mit ihr waren Vorstellungen von Natürlichkeit, Naturnähe, aber auch Brüderlichkeit und Unverdorbenheit verbunden. Vornehmlich in den Schichten des Bildungsbürgertums traf man diese Gedankenkonstruktionen an. Sie gingen einher mit der Lebensreformbewegung, also der intellektuellen Auseinan-dersetzung unter anderem mit der fortschreitenden Technisierung und Urbanisierung in der Welt. Russland, in dem die Industrialisierung nicht so zügig Fuß fassen konnte, wurde mit der romantischen Vorstellung eines ursprünglichen Lebens verbunden.

            Das Bild über die russische Bevölkerung war folglich immer geprägt vom Wechselspiel von Faszination und Bewunderung einerseits und von Furcht und Verachtung andererseits.

 

Sandra Kohla

 

 



[1] Vgl. Homepage des Forsa-Institutes (http://www.unsererussen.de/fileadmin/Presse_PDF/2007/PI_forsa_Unsere_Russen_de.pdf Stand: 11.06.2011)

[2] Vgl. Homepage der Nachrichtenagentur Ria Novosti (http://de.rian.ru/comments_interviews/20070521/65795247.html Stand 11.06.2011)