Der Begriff Stereotyp fand 1922 mit dem Aufsatz Public Opinion - Die öffentliche Meinung von Walter Lippmann Einzug in die Sozialwissenschaften. Davor fand das Wort in der Buchdruckerkunst Verwendung und bezeichnete hier ein Verfahren zum Druck; dies ganz im Sinne der eigentlichen griechischen Wortherkunft: stereo bedeutet ‚starr‘ und typos bedeutet ‚Gestalt‘.

            Lippmann also beschrieb in seinen Forschungen das Stereotyp als ein Merkmal, welches „die vorgefaßte Meinung über Gruppen“ sei. Das bedeutet, dass bestimmten Gruppierungen bestimmte Wesenszüge oder Verhaltensweisen zuge-schrieben werden. Sie können sowohl positiver als auch negativer Art sein. Die Gruppenzugehörigkeit fußt hierbei zumeist auf einer ethnischen Zugehörigkeit, aber auch das Geschlecht oder das Alter können zu einer Kategorisierung beitragen. Frauen sind… Männer sind… Alte sind… Bayern sind… Ossis sind…  Dörfler sind… . Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Häufig jedoch sind Stereotype national aufgeladen. Wir alle kennen das Stereotyp, dass Japaner nie unfreundlich oder aber die Spanier besonders „feurig“ seien. Dieses vermeintliche Wissen beruht aber zumeist nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern ist kulturell geprägt und wird häufig schon im Kindesalter erlernt. Nun werden diese Behauptungen in der Realität kaum einer Überprüfung standhalten. Doch warum gibt es dann diese Stereotypen, die den einzelnen Mitgliedern der jeweiligen Gruppe die gleichen Eigenschaften zuordnen und somit das Individuum in ein homogenes Raster pressen?

            In unserer immer komplexer werdenden Zeit ist es für die Menschen häufig einfacher die Welt für sich zu kategorisieren. Auf diese Weise soll einer Überbeanspruchung der kognitiven Fähigkeiten vorgebeugt werden. Informationen können schneller und ökonomischer verarbeitet werden, denn nicht jeder kann neue Erfahrungen machen, vielmehr berufen wir uns auf die Erfahrungen anderer. Diese Vereinfachung von Sachverhalten und Gegebenheiten birgt jedoch sehr häufig die Gefahr der Herausbildung falscher Auffassungen. Nicht jeder Pole stiehlt, nicht jeder Russe trinkt, und nicht jeder Franzose ist ein guter Liebhaber. Sich bewusst zu sein, dass es Stereotype gibt und wie sie funktionieren, ist ein wichtiger Schritt, um mit ihnen angemessen umzugehen. Dabei werden Stereotype in zwei verschiedenen Kategorien eingeteilt: Autostereotype (das Bild, das wir von uns selbst haben) und in Heterostereotype (das Bild, das wir uns über die anderen machen). Sie sind eng verknüpft mit den Begriffen des Klischees und des Vorurteils und sind nicht immer klar voneinander zu trennen.

            In historischer Sicht bildeten Stereotypen sich verstärkt in Verbindung mit dem Aufkommen der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert. Diese neuen Nationen mussten sich selbst erst eine eigene Identität geben, welche über die Sprache als Spezifikum und verbindendes Element hinausging. Und so wurden der eigenen, aber auch anderen Nationen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeordnet. Es versteht sich von selbst, dass die in Form des Autostereotyps einem selbst zugeschriebenen Wesenszüge zumeist positiv besetzt waren, während die Nachbarn sich einem deutlich kritischerem Blick unterwerfen mussten, sollte doch die eigene „Vortrefflichkeit“ in den Vordergrund gerückt werden. Häufig sind insbesondere diese älteren Stereotypeden damaligen nachbarschaftlichen Beziehungen unterworfen und spiegeln dieses Verhältnis wider. Dieser Umstand macht deutlich, dass es zur eigenen Identitätsbildung gewisser Vergleichsparameter bedarf, haben doch Stereotype unter anderem die soziale Funktion der Ausgrenzung des anderen oder der anderen, um gleichzeitig die Zusammengehörigkeit der eigenen Gruppe oder Nation zu festigen. Hierzu ein Gedanke des Volkskundlers Hermann Bausinger: „Stereotype sind der wissenschaftliche Begriff für eine unwissenschaftliche Ein-stellung“.

 

Sandra Kohla