Im russischen Zarenreich gab es in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts viele Veränderungen.

 

Besonders die rasante industrielle Entwicklung ab den 1890er Jahren führte zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen. Als Motoren der Industrialisierung galten der Bau der Sibirischen Eisenbahn, die Kapital-bildung über ein Bank- und Kredit-wesen und Auslandskapital sowie eine protektionistische Außenpolitik.[1] Die Industrialisierung vollzog sich jedoch regional unterschiedlich. In den Städten St. Petersburg und Moskau sowie im Ural und der südlichen Ukraine entstanden Industriezentren. Dennoch blieb die Landwirtschaft der führende Sektor der russischen Wirtschaft.

 

Zugleich bot der Bau der Sibiri­schen Eisenbahn die Möglich­keit, die Kolonialisierung Sibiriens und Zentralasiens voranzutreiben und somit die imperialen Ansprüche des Zarenreiches zu unterstreichen. Gleichzeitig wurde Sibirien ein Ver­bannungsort für Andersdenkende, Revolutionäre und Verbrecher.

 

Der zunehmenden Moderni-sie­rung des Russischen Reiches, die mit wachsender Mobi­lität einherging, stand die sich nur langsam ändernde sozio-ethnische Struktur des Viel-völkerreichs gegenüber.[2] Die sozialen und nationalen Kräfte trugen zur Instabilität des Reiches bei.

 

Bereits seit den 1860er Jahren hatte sich innerhalb des Russischen Reiches zudem die so genannte Intelligenzija herausgebildet. Diese oppositionelle und revo­lutionäre Gruppe, die zunächst hauptsächlich aus russischen Adligen bestand, wurde bald ein Abbild des russischen Vielvölkerreiches mit unterschiedlichen Nationalitäten und Ethnien. Die Intelligenzija spielte auch in den zunehmenden Nationalkonflikten und politischen Unruhen zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Rolle.

 

Als Nikolaj II. im Jahr 1894 zum Zar des Russischen Reiches gekrönt wurde, herrschte er über ein riesiges Reich, das von der Ostsee bis zum Pazifik sowie vom Nordmeer bis nach Afghanistan reichte und mehr als 100 Ethnien in sich versam­melte. Es gelang dem Zaren nicht, die Wurzel der aufkommenden Nationalkonflikte und der Unzufriedenheit der breiten Bevölkerungsmasse zu bekämpfen. Da er ein russisches, auf die orthodoxe Kirche gestütztes Reich anstrebte, das militärische Stärke gegenüber dem Ausland und seinen imperialen Gebieten demonstrieren sollte, stand er im Gegensatz zu den vorherrschenden Belangen seines Reiches. Seine imperiale Außenpolitik, die vor allem Zentralasien in den Blick nahm, führte 1904/5 zum Russisch-Japanischen Krieg. Die russische Niederlage führte zur ersten Revolution innerhalb des Reiches. Mit der Oktoberrevolution 1917 verschwand das russische Zarenreich.

 

Katharina Krause

 



[1] Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich, München 2001 (Beck´sche Reihe 1447), S. 250.

[2] Ebd. S. 249.